Viele Mobilitätsmaßnahmen – aber welche wirkt wirklich?

Um die Klimaziele im Verkehrssektor zu erreichen, förderte die Bundesregierung im Rahmen des Klimaschutzprogramms 2030 innovative Maßnahmen zur Stärkung des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV).

Doch bevor Bund, Länder und Kommunen in die konkrete Umsetzung gehen, stellt sich eine zentrale Frage: Welche Maßnahme entfaltet tatsächlich die größte Wirkung? Oft fehlt vorab eine belastbare, datenbasierte Einschätzung darüber, ob eine Investition in eine neue Busspur, ein integriertes Ticketsystem oder einen Bedarfsverkehr in der Realität zu der gewünschten Verkehrsverlagerung und Emissionsreduktion führt. Genau hier setzen wissenschaftliche Evaluationen und verkehrliche Wirkungssimulationen an, um Entscheidungen auf ein solides Fundament zu stellen.

Das Fraunhofer-IAO-Projekt: Wirkung untersuchen und sichtbar machen

Um die Wirkungen sichtbar zu machen, hat das Team Mobility Ecosystems des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO das Förderprogramm „Modellprojekte zur Stärkung des ÖPNV“ wissenschaftlich evaluiert. Über einen Zeitraum von jeweils drei Jahren wurden in 20 Modellregionen in Deutschland mehr als 300 innovative Maßnahmen umgesetzt. Die Bandbreite reichte von der Verbesserung der Angebots- und Betriebsqualität über die Entwicklung attraktiver Tarifmodelle bis hin zur digitalen Vernetzung von Auskunftssystemen und neuartigen On-Demand-Verkehren.

Für die Untersuchung der Maßnahmenwirkung waren folgende Fragen leitend:

  1. Führen die Maßnahmen zu einer Attraktivitätssteigerung des ÖPNV?
  2. Erhöht die Steigerung der Attraktivität die Nutzung des ÖPNV?
  3. Senkt die gesteigerte Nutzung des ÖPNV die Nutzung des MIV?
  4. Trägt die Verlagerung zur Emissionsminderung im ÖPNV und im Verkehrssektor bei?
  5. Inwieweit ist die Emissionsminderungswirkung auf die Maßnahmen zurückzuführen?

Entlang dieser Fragen wurde die Wirkungssimulation durchgeführt. Ziel war es, die Steigerung der Attraktivität und Nutzung des ÖPNV zu quantifizieren, die dadurch verursachte Verringerung der MIV-Fahrten zu berechnen und die daraus resultierende Emissionsminderung zu bestimmen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die umgesetzten Maßnahmen die Attraktivität des ÖPNV und dessen Nutzung in den Regionen messbar steigern konnten. Darüber hinaus belegt die Evaluation, wie die Maßnahmen spürbare Verkehrsveränderungen bewirken, das Mobilitätsverhalten der Nutzenden positiv beeinflussen, den Modal Split zugunsten des ÖPNV verschieben und die Emissionen im Verkehrssektor nachhaltig senken. Eine fundierte, modellbasierte Evaluation ist daher unerlässlich, um die Wirkung lokaler Maßnahmen präzise zu bestimmen.

Nutzerverhalten als Ausgangspunkt

Die Evaluation basiert auf einer nutzerzentrierten Methodik. Im Fokus stehen Nutzende und Nichtnutzende sowie der Einfluss der Mobilitätsmaßnahmen auf ihr Mobilitätsverhalten. Um Veränderungen von Präferenzen und Verhaltensweisen zu analysieren, führte man zu Beginn der Maßnahmenumsetzung, während der Laufzeit und zum Projektende Online-Befragungen in den Modellregionen durch. Dabei wurden die Teilnehmenden zu tatsächlichen Veränderungen ihres Mobilitätsverhaltens befragt (Revealed-Preference-Methode).

Ergänzend erfassten hypothetische Entscheidungssituationen zwischen Pkw und ÖPNV-Angebot mit unterschiedlichen Ausprägungen das beabsichtigte Wahlverhalten und die Präferenzen der Nutzenden (Stated-Preference-Methode). Die aus den Ergebnissen abgeleiteten Nutzenfunktionen validierte man anhand einer deutschlandweit erhobenen Nutzenfunktion sowie regionaler Daten zur ÖPNV-Nutzung, beispielsweise zu Ticketverkäufen.

Verkehrsmodelle liefern die Entscheidungsgrundlage

Die tatsächlichen Veränderungen des Verkehrs und der Emissionen zwischen Beginn und Ende der Förderprojekte untersuchte man mithilfe der Verkehrssimulationssoftware PTV Visum und regionaler Verkehrsmodelle aus PTV Validate. Damit ließen sich Veränderungen der Verkehrsnachfrage, Verlagerungseffekte (Modal Shift) und die daraus resultierenden Emissionswirkungen transparent und nachvollziehbar abbilden. Mithilfe von Monte-Carlo-Simulationen integrierten die Projektbeteiligten die Ergebnisse der Befragungen – die kalibrierten Nutzenfunktionen und die Daten zu Verhaltensänderungen – in PTV Visum. Anschließend berechnete man die absoluten und relativen Veränderungen des motorisierten Individualverkehrs, konkret die Anzahl der Pkw-Fahrten, die Pkw-Emissionen in CO₂-Äquivalenten und die gefahrenen Pkw-Kilometer.

Um die durch die Maßnahmen verursachte Emissionsminderung zu bestimmen, wurden externe Einflüsse wie steigende Kraftstoffpreise, das Deutschlandticket und die Zunahme von Homeoffice-Tagen quantifiziert und in die Modellierung einbezogen.

Von der Analyse zur Prognose

Die Erkenntnisse aus der Evaluation des Fraunhofer IAO sind mehr als ein Rückblick. Sie bilden die Grundlage, um zukünftige Mobilitätsmaßnahmen bereits in einer frühen Planungsphase realistisch zu simulieren und ihre potenziellen Wirkungen vorherzusagen.

Die Fraunhofer-IAO-Studie zeigt beispielsweise, dass On-Demand-Verkehre und Netzerweiterungen in ländlichen Räumen besonders wirkungsvoll sind, während digitale Dienste und multimodale Angebote in urbanen Räumen mit bereits gut ausgebautem ÖPNV-Netz die größten Effekte erzielen. Mithilfe von Verkehrsmodellen lassen sich diese Erkenntnisse abbilden und die Wirkungen künftig geplanter Mobilitätsmaßnahmen verlässlich prognostizieren.

Für den Transfer auf andere Kommunen und Regionen generalisierten die Projektbeteiligten die Ergebnisse der Wirkungsevaluation und analysierten sie hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit auf andere Gebiete.

Bessere Entscheidungen für Kommunen und Fördermittelgeber

Nutzerzentrierte Wirkungssimulationen können somit eine objektive Grundlage für künftige Investitionsentscheidungen, die Priorisierung von ÖPNV-Maßnahmen und den zielgerichteten Einsatz öffentlicher Fördermittel schaffen.

Mobilitätsmaßnahmen entfalten ihre volle Wirkung häufig erst nach einigen Jahren, da individuelle Verhaltensänderungen Zeit benötigen, um sich im Alltag der Nutzenden zu verankern. Mithilfe moderner Wirkungssimulationen lassen sich die erwarteten Auswirkungen von ÖPNV-Maßnahmen jedoch bereits im Vorfeld zuverlässig prognostizieren. Dies gibt den Umsetzenden die Sicherheit, möglichst wirksame Maßnahmen für die jeweiligen Regionen auszuwählen und Fördermittel zielgerichtet einzusetzen, um den größtmöglichen Nutzen für Mobilität, Klimaschutz und Gesellschaft zu erzielen.

Mehr Informationen zum Projekt

Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO hat das Förderprogramm „Modellprojekte zur Stärkung des ÖPNV“ des Bundesministeriums für Verkehr wissenschaftlich evaluiert. Das Programm förderte von 2022 bis 2026 insgesamt 20 Modellprojekte in zwei Förderaufrufen. Im Fokus stand die Frage, wie verschiedene innovative Mobilitätsmaßnahmen die Attraktivität und Nutzung des ÖPNV steigern, den motorisierten Individualverkehr reduzieren und die Pkw-Emissionen senken können.

Lesen Sie hier weitere Informationen zur Evaluation des Fraunhofer IAO und die vollständigen Projektberichte des 1. Förderaufrufs.

Das Projekt in Zahlen

  • 20 geförderte Modellprojekte
  • Über 300 untersuchte Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität des ÖPNV
  • 40 Interviews mit Modellprojektverantwortlichen  
  • 20 Visum-Verkehrsmodelle für die Modellregionen

Nehmen Sie am kostenlosen Webinar zum Thema teil!

Dienstag, 13.10.2026
11:00 Uhr
Einstieg in deutscher, fachlicher Teil in englischer Sprache

Zusatzinfo
Verkehrsmodelle: Der Schlüsel zu fundierten Entscheidungen im Straßenverkehr

Verkehrsmodelle bilden den Startpunkt für nachhaltige Verkehrsplanung. Validate stellt dabei eines der größten Verkehrsmodelle der Welt dar. Lesen Sie hier mehr zum Thema.

Nehmen Sie am kostenlosen Webinar zum Thema teil!

Dienstag, 13. Oktober 2026, 11:00 Uhr
Einstieg in deutscher, fachlicher Teil in englischer Sprache