Wie bringt man Verkehr und Naturschutz unter einen Hut?

Natur und Verkehr müssen keine unvereinbaren Gegensätze sein. Heute spielt der Schutz der Umwelt eine wichtige Rolle bei der nachhaltigen Verkehrsplanung. Vor allem, wenn in die Projekte Naturparks oder Naturschutzgebiete involviert sind. Zum Beispiel bei der Verkehrsstudie Nationalpark Schwarzwald, die von der PTV Transport Consult gemeinsam mit lokalen und regionalen Akteur*innen sowie weiteren Expert*innen erstellt wurde. Es handelt sich hier um ein digitales Verkehrskonzept, dessen zentrale Aspekte die digitale Vernetzung und ein dynamisches, aktivitätenbasiertes Informationssystem sind. Das erarbeitete Verkehrskonzept kann als Modell für andere Landschafts-/Nationalparks und verschiedenste touristische Destinationen dienen.

Möglichst unberührte Natur unter besonderen Schutz zu stellen: Die Idee dazu stammt aus dem 19. Jahrhundert. 1872 wurde der Yellowstone-Nationalpark in den USA gegründet, 1879 der Royal-Nationalpark in Australien und 1887 der Banff-Nationalpark in Kanada. Erste europäische Nationalparks gab es ab 1909 in Schweden. In Deutschland existierten zwar lange schon Naturschutzgebiete, doch den ersten Nationalpark gab es erst 1970. Mag die Definition eines Nationalparks nicht überall die gleiche sein, so ist ihnen zumindest das Ziel gemeinsam, große Naturgebiete zu schützen und zu erhalten. Im Interview berichtet Dr. Wolfgang Schlund über die Verkehrsstudie Nationalpark Schwarzwald.

Herr Dr. Schlund, Sie und Herr Dr. Waldenspuhl leiten den Nationalpark Schwarzwald. Sie treffen zentrale Entscheidungen zu dessen Entwicklung und haben maßgeblich an der Verkehrsstudie Nationalpark mitgewirkt, die auch Teil des Nationalparkplans ist. Welche Bedeutung hat die Studie für den Nationalpark und die Region?

Dr. Wolfgang Schlund: Auf ein gut ausgearbeitetes Verkehrskonzept wurde im Nationalparkplan sehr viel Wert gelegt. Denn der Verkehr auf der Schwarzwaldhochstraße ist seit jeher von motorisiertem Individualverkehr geprägt. Besonders an besucherstarken Tagen spitzt sich hier die Verkehrssituation zu. Daher ist es für Besuchende des Nationalparks, aber auch für die Menschen in der Region von großer Bedeutung, eine nachhaltige Mobilität in der gesamten Nationalparkregion zu fördern. Der ÖPNV muss attraktiver werden und einen Umstieg vom Auto auf den Bus erzielen.

Auf der einen Seite gibt es das Anliegen, den Nationalpark so verkehrsberuhigt wie möglich auszugestalten, auf der anderen Seite die Anliegen der Wohnbevölkerung und der Besuchenden des Nationalparks, die innerhalb dieser Region mobil sein wollen. Ist es möglich, Verkehr und Mobilität mit dem Schutz der Umwelt im Nationalpark in Einklang zu bringen?

Dr. Wolfgang Schlund: Im Nationalpark und in der Region treffen verschiedenste Nutzergruppen zusammen. Wir haben u. a. den Wirtschaftsverkehr, Wandernde, Tourist*innen, Tagesgäste, Anwohner*innen und Berufspendler*innen. Diese unterschiedlichen Bedürfnisse gilt es zusammen und mit den Belangen des Natur- und Umweltschutzes in Einklang zu bringen. Gäste des Nationalparks wie auch Menschen aus der Region wünschen sich weniger Verkehr bzw. weniger Verkehrslärm, aber dennoch eine gute Mobilität. Dies ist auch im Sinne des Nationalparks.

Die Verkehrsstudie dient als Umsetzungsgrundlage für alle weiteren Entscheidungen. Welches sind die zentralen Umsetzungsmaßnahmen, an denen Sie aktuell arbeiten?

Dr. Wolfgang Schlund: Die Umsetzung erfordert viel Zeit und Abstimmungsbedarf mit vielen Akteur*innen. Daher freuen wir uns, dass erst kürzlich die Landkreise, ein Stadtkreis und der Minister für Verkehr BW eine gemeinsame Absichtserklärung zur Einführung von vier Regiobuslinien abgegeben haben, die zur Eröffnung des Nationalparkzentrums im Herbst 2020 eingeführt werden sollen. Dadurch wird das ÖPNV-Angebot überaus aufgewertet.

Die Aufstockung der Zubringerlinien aus den Tälern ist für das Frühjahr 2021 vorgesehen. Parallel beschäftigen wir uns mit dem Parkraummanagement, der digitalen Verkehrslenkung und mit Motorradlärm-Displayanzeigen. Ein weiterer, wichtiger Schritt ist außerdem, die Stelle eines „Kümmerers“ zur Umsetzung des Verkehrskonzeptes zu etablieren. Denn eine Herausforderung bei der Umsetzung ist, dass das Nationalparkgebiet drei Landkreise, einen Stadtkreis, drei Verkehrsverbünde und zwei Regierungspräsidien berührt. Hier würde ein Umsetzungsmanagement – in Form einer Vollzeitstelle – uns der Nationalparkregion sehr weiterhelfen und unterstützen.

Die Erstellung der Studie wurde durch ein umfangreiches Beteiligungskonzept begleitet. Hierbei wurden nicht nur fachliche und politische Akteur*innen einbezogen, sondern auch die Bevölkerung. Was waren die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Beteiligung?

Dr. Wolfgang Schlund: Das Thema Verkehr ist in der Region auch bei den Bürgerinnen und Bürger ein präsentes und sehr wichtiges Thema. Zentrale Themen bei der Beteiligung waren der Ausbau des ÖPNV-Angebotes und die Reduzierung des Verkehrslärms, vor allem von Motorradfahrenden. Die Schwarzwaldhochstraße ist eine beliebte Motorradstrecke. Für die Anwohner*innen in den Tälern ist der Lärm eine große Belastung. Wobei das auf die unangepasste Fahrweise weniger Verkehrsteilnehmer*innen zurückzuführen ist, die auch nicht wegen des Nationalparks herkommen.

Ein zentraler Baustein der nachhaltigen Mobilität ist der Ausbau und die Weiterentwicklung des ÖPNV in der Region. Wird es möglich sein, die Besuchenden des Nationalparks für nachhaltige Mobilität und ÖPNV zu gewinnen und den Pkw auch mal stehen zu lassen?

Dr. Wolfgang Schlund: Der Ausbau des ÖPNVs und die damit verbundene Reduzierung des Individualverkehrs ist ja auch derzeit ein großes Thema des Verkehrsministeriums. Das ist sehr hilfreich. Denn eine Bewusstseinsbildung und eine Verhaltensänderung zu erzielen, wird nicht mit einem Bus mehr am Wochenende erreicht.

Zudem sind Anreize, aber auch Einschränkungen, zu setzen. So muss beispielsweise das Fahrtticket für den Bus günstiger sein als Parkgebühren vor Ort. Parkplätze zum Beispiel am neuen Nationalparkzentrum werden dann nicht mehr kostenfrei sein.

Busfahren soll außerdem Spaß machen. Wenn man unterwegs einen tollen Panoramablick hat, interessante Informationen zum Nationalpark bekommt und sich dann sich nicht um die Parkplatzsuche kümmern muss, ist das attraktiver, als mit dem eigenen Pkw unterwegs zu sein. Doch dazu müssen die Angebote bekannt sein.

Derzeit ist das Informationsangebot zum ÖPNV sehr unübersichtlich und komplex. Ohne Vor-Ort-Kenntnisse muss man viel Zeit investieren, um sich zu orientieren. Daher wird die geplante Mobilitätsinfoplattform, die sich an den Interessen des Gastes orientiert, ein ideales Kommunikationsmedium sein.

Verkehrsstudie Nationalpark Schwarzwald

Ziel der Studie „Erstellung eines digital basierten Verkehrskonzeptes für eine moderne und nachhaltige Mobilität der Zukunft in der Nationalparkregion sowie als Modell für andere ländliche Räume Baden-Württembergs“ ist die Gewährleistung umweltgerechter und nachhaltiger Mobilität. Ein zentraler Baustein ist dabei ein gemeinsames Informationssystem, das den ÖPNV stärken und den motorisierten Individualverkehr lenken soll. Die Studie wurde vom baden-württembergischen Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft beauftragt und von der PTV gemeinsam mit den Partnern raumobil GmbH, Media Seven GmbH und der PwC AG bearbeitet.

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Über:

Ob Fußgängerfreundlichkeit, ÖPNV oder Citylogistik – Petra interessiert, wie sich Menschen und Güter nachhaltig und effizient in Richtung einer besseren Zukunft bewegen. Sie schreibt über Forschungsprojekte, urbane Logistik und Mobilitätskonzepte.

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