Kopenhagen gilt als eine der fahrradfreundlichsten Städte weltweit. Die dänische Hauptstadt fördert den Radverkehr massiv, setzt dabei zum Beispiel auch auf Unterstützung von smarten Software-Tools. Damit verfolgt Kopenhagen ambitionierte Ziele: Bis zum Jahr 2025 sollen die Hälfte aller Fahrten zur Arbeit oder zur Schule mit de Rad gemacht werden.  Für das Bicycle Playbook haben wir darüber mit Klaus Bondam, dem Direktor der Danish Cyclist Federation gesprochen.

Herr Bondam, warum fahren die Kopenhagener so viel Fahrrad?

Klaus Bondam: Dafür gibt es eine ganze Reihe an Gründen. Ich denke, in erster Linie haben wir eine Tradition des Radfahrens etabliert: In Dänemark waren Autos eine ziemlich teure Sache, weil die Regierung eine Menge Steuern dafür genommen hat. Kopenhagen selbst war aber eine Arbeiterstadt. Viele Menschen bezogen ein sehr niedriges Einkommen, das Fahrrad war also ein erschwingliches Transportmittel. Das änderte sich natürlich. Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg und mit der Gentrifizierung der Stadt. Dennoch aber gilt das Auto heute nicht als das Verkehrsmittel für den täglichen Bedarf. Autos im Privatbesitz bezeichnen wir heute gerne als „Louisiana-Auto“: Das Louisiana ist ein Kunstmuseum im Norden Kopenhagens und viele nutzen ihr Auto ausschließlich, um samstags sprichwörtlich zum Museum zu fahren. Dann haben wir in Kopenhagen den Vorteil, dass die Stadt sehr flach und das Klima nie zu heiß und nie zu kalt ist, um Rad zu fahren. Und zu guter Letzt gibt es über Generationen hinweg eine politische Bereitschaft in sichere und baulich getrennte Fahrradinfrastruktur zu investieren.

Wie schafft Kopenhagen diese Kultur des Radfahrens?

Klaus Bondam: Kindern das Fahrradfahren beizubringen, wird als Aufgabe der Eltern angesehen. Das ist so selbstverständlich, wie ihnen das Essen mit Gabel und Messer beizubringen. Natürlich gibt es auch bei uns Familien, bei denen das Fahrradfahren kein Bestandteil des Familienlebens ist und diese Familien nutzen auch mehr das Auto. Aber es ist wichtig, dass Kinder früh ein Fahrrad bekommen und lernen, dass Verkehr eine ernste Angelegenheit ist, bei der man aufpassen muss – die Kinder aber auch stolz macht. Fahrradfahren gehört zu den ersten Dingen, bei denen Kinder Verantwortung übernehmen und Zugang zu Mobilität erhalten.

Wie sind Fahrradwege in Kopenhagen gebaut?

Klaus Bondam: Bei uns sind Radwege über einen Bordstein vom Autoverkehr getrennt. An manchen Stellen nutzen wir auch parkende Autos, um eine Art Schutzwall zum fließenden Verkehr zu bekommen. Generell glauben wir aber, dass eine vollständig getrennte Infrastruktur für das tägliche Radfahren in der Stadt unerlässlich ist. Aktuell sind wir dabei die Radwege von zwei auf vier Meter zu verbreitern, weil wir so viele Radfahrende haben und auch nicht jedes Fahrrad ein klassisches Fahrrad ist. Viele sind heute mit E-Bikes unterwegs oder nutzen breitere Lastenräder.

Klaus Bondam (Foto: Søren Svendsen)

Fahrradfahren ist diverser geworden – in der Fahrradart, in der Geschwindigkeit und auch in den Nutzungsgruppen. Doch nicht nur die Fahrradinfrastruktur ist wichtig für sicheres Fahrradfahren, auch das Drumherum: Um Fahrradfahren sicherer zu machen, müssen wir die Geschwindigkeit von Autos drosseln und weniger Fahrzeuge in die Innenstadt lassen. Das führt zu vielen politischen Diskussionen.

Wie kann die politische Diskussion gelingen?

Klaus Bondam: Wenn man eine öffentliche Diskussion führen möchte, dann ist es meines Erachtens wichtig, zuvor innerhalb des Stadtrats eine gemeinsame Sprache zu entwickeln: Worüber reden wir, wenn wir grundsätzlich über Infrastruktur sprechen? Was kann es uns als Kommune geben, wenn wir unsere Umwelt fahrradfreundlicher machen? Wir wissen aus Umfragen und Studien heute sehr genau, welchen Nutzen das Fahrradfahren mit sich bringt: Es hält Menschen körperlich fit, Rad fahrende  Schüler*innen sind in der Schule besser, Rad fahrende Arbeitende haben weniger Fehlzeiten. Im Stadtrat braucht man  ein gemeinsames Verständnis für die einzelnen Punkte, um die öffentliche Diskussion zu führen.

Fahrradfahren – mehr als nur ein Trend

Wie Städte ihre Infrastruktur fahrradfreundlich gestalten können und vieles mehr, erfahren Sie im Bicycle Playbook.

Über:

Sonja beschäftigt sich mit Mobilitätsplanung, die neue Lebensräume für Menschen schafft und zugleich die Umwelt schont. Dabei interessiert sie, wie Daten auf innovative Konzepte einzahlen und Digitalisierung nachhaltige Mobilität schneller auf die Straße bringen kann.

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